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03. Dezember 2023 | Ein Brief von Papst Franziskus an vier Frauen

Der Papst und der Synodale Weg in Deutschland – Und warum ich nicht am Synodalen Ausschuss teilnehme. |


Autor: Bischof Stefan Oster SDB
Quelle:
https://stefan-oster.de/brief-papst-frauen-synodal/
Eine Chronologie mit Kommentierungen

Am 21. November ist ein Brief öffentlich bekannt geworden, den Papst Franziskus an vier Frauen geschrieben hat, die alle Mitglieder des deutschen Synodalen Weges waren. Dieser Brief hat eine Vorgeschichte, deren wesentliche Etappen hier in knapper Form aufgelistet werden sollen, ehe der Brief selbst zitiert wird.

Die Adressatinnen des Briefes sind die Theologieprofessorinnen Katharina Westerhorstmann und Marianne Schlosser, die Religionsphilosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz sowie die Journalistin Dorothea Schmidt. Alle vier hatten ihr Mandat für den Synodalen Weg nach der vierten Synodalversammlung in Frankfurt Anfang des Jahres 2023 niedergelegt. Sie waren der Meinung, der Synodale Weg habe bis dahin wiederholt Interventionen aus dem Vatikan und von Papst Franziskus ignoriert, wesentliche Grundlagen katholischer Lehre und Theologie in Frage gestellt und einen Kurs eingeschlagen, der die Kirche in Deutschland vom Kurs der Weltkirche insgesamt entfernen würde. [1]

Der Ad-limina-Besuch

Kurz zuvor schon, im November 2022, waren die deutschen Bischöfe zu einem Ad-limina-Besuch in Rom. Papst Franziskus machte in der Begegnung mit den Bischöfen sehr deutlich, dass der lange Brief, den er selbst schon 2019, zu Beginn des Synodalen Weges, und eigenhändig an das Volk Gottes in Deutschland geschrieben hatte [2], aus seiner Sicht zu wenig beachtet oder verstanden worden war. Bei einem weiteren Treffen, das zusammen mit den Vorstehern der Dikasterien eigens wegen des Synodalen Weges erstmals während eines Ad-limina-Besuches einberufen worden war, warfen insbesondere Kardinalstaatssekretär Parolin und die Kardinäle Ladaria und Ouellet einen sehr kritischen Blick auf die Inhalte und die Ausrichtung des Synodalen Weges in Deutschland.[3] Kardinal Ouellet, damals Präfekt der Kongregation für die Bischöfe, legte dabei den Deutschen ein Moratorium des Synodalen Weges nahe. Die meisten deutschen Bischöfe reagierten hier mit Unverständnis; schließlich habe man den Synodalen Weg zusammen mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) initiiert – und könne ihn jetzt nicht allein beenden. Meine damalige Deutung der Ereignisse als eine Art kompromisshafte Einigung am Ende des gemeinsamen Gespräches lautete dann ungefähr so: Es gibt jetzt zwar kein sofortiges Moratorium, sondern wir bringen den Frankfurter Weg nun zu Ende und spielen dann seine Texte und Ergebnisse in den laufenden Synodalen Prozess der Weltkirche ein, den Papst Franziskus im Jahr 2021 initiiert hatte. Zu diesem synodalen Weltprozess gab es unter den Gläubigen in Deutschland insgesamt wenig Resonanz – obgleich Papst Franziskus und mit ihm die Diözesen so viele Menschen wie möglich durch Umfragen und Einladungen zum Mithören und Mitsprechen einbeziehen wollten.[4] Die Teilnahmezahlen blieben bei uns wohl auch deswegen dürftig, weil der Synodale Weg in Deutschland die vom Papst einberufene Synode in der öffentlichen Wahrnehmung deutlich überlagert hatte.

Die römischen Einsprüche

Schon zuvor, im Juli 2022, hatte der Heilige Stuhl mit Blick auf geplante neue Gremien und Lehrveränderungen in einer öffentlichen Erklärung ausdrücklich deutlich gemacht, der Synodale Weg in Deutschland sei „nicht befugt, die Bischöfe und die Gläubigen zur Annahme neuer Formen der Leitung und neuer Ausrichtung der Lehre und der Moral zu verpflichten.“ [5] Die Verantwortlichen des Synodalen Weges ließen sich dadurch erneut nicht auf ihrem Weg bremsen. Der Tenor war: Das Statement aus dem Vatikan habe keinen konkreten Absender gehabt, also wisse man nicht einmal, wo man rückfragen solle.

Der Synodale Weg hat daraufhin, also in seiner vorletzten Vollversammlung im Herbst 2022 beschlossen: Ein Synodaler Rat sollte bis 2026 auf den Weg gebracht werden als neues Leitungsgremium für die Kirche in Deutschland, bei dem dann wesentliche Fragen für die Kirche gemeinsam mit Laien beraten und entschieden werden sollten. Vorbereitend dafür solle ein Synodaler Ausschuss daran arbeiten, die organisatorischen und kirchenrechtlichen Rahmenbedingungen zu klären.

Daraufhin habe ich – zusammen mit vier anderen Bischöfen – kurz vor Weihnachten 2022 einen Brief an den Kardinalstaatssekretär Parolin geschrieben, in dem wir Präzisierung erbaten über die Bedeutung des vatikanischen Schreibens vom Juli mit seinem damaligen Tenor: Keine Verpflichtung für die Bischöfe in neue Leitungsgremien. Die Antwort kam am 16. Januar 2023 – und ließ in ihrer Deutlichkeit wenig zu wünschen übrig: Die Kardinäle Pietro Parolin, Luis Francisco Ladaria SJ (Dikasterium für die Glaubenslehre) und Marc Ouellet (Dikasterium für die Bischöfe) unterzeichneten gemeinsam einen Brief, in dem es wörtlich heißt es: Wir „möchten klarstellen, dass weder der Synodale Weg noch ein von ihm eingesetztes Organ noch eine Bischofskonferenz die Kompetenz haben, den „Synodalen Rat“ auf nationaler, diözesaner oder pfarrlicher Ebene einzurichten.“ [6] Dann wird noch gesagt: „Der Heilige Vater hat vorliegendes Schreiben in forma specifica approbiert“. Das bedeutet, der Papst hat sich dieses Schreiben so zu eigen gemacht, als wäre es sein eigener Akt, gegen den es nach meiner Deutung keine Beschwerdemöglichkeit gibt und der anzunehmen und umzusetzen ist.

Die Fortsetzung des Synodalen Weges und die Vorbereitung des Synodalen Ausschusses

Trotz dieser, nach meiner Einschätzung überdeutlichen Reaktion aus Rom ging der Synodale Weg im Frühjahr 2023 in seine letzte Versammlung und wählte – gemäß dem Beschluss der vorherigen Versammlung – die Mitglieder des Synodalen Ausschusses: Kraft Beschluss sollen es die 27 Mitglieder des Ständigen Rates der Bischofskonferenz sein, plus 27 Mitglieder des ZdK, plus 20 weitere Mitglieder, die von der Synodalversammlung gewählt wurden.

Und obwohl in der Satzung des Synodalen Weges festgehalten ist, dass dessen Beschlüsse aus sich „keine Rechtskraft“ hätten, und die „Vollmacht“ der Bischöfe, „im Rahmen ihrer jeweiligen Zuständigkeit Rechtsnormen zu erlassen und ihr Lehramt auszuüben“, „durch die Beschlüsse unberührt“ [7] bleibe, und obwohl ich dem Beschluss zur Einrichtung eines Synodalen Rates nicht zugestimmt hatte, bin ich nach der Beschlussfassung zum Synodalen Ausschuss nicht einmal gefragt worden, ob ich nicht dennoch Mitglied sein oder werden wolle. Es wurde einfach vorausgesetzt und damit die eigene Satzung aus meiner Sicht nicht korrekt beachtet.

Inzwischen hatten aber bereits einige jener, die öffentlich als „konservativ“ wahrgenommen werden und die zahlenmäßig ohnehin schon eine kaum ins Gewicht fallende Minderheit waren, ihr Mandat niedergelegt und die Synodalversammlung frustriert verlassen, weil sie die geltende Lehre der Kirche in bestimmten Punkten verteidigen wollten: Es waren die vier oben genannten Frauen und einige weitere die sich an mehreren Dingen störten, zum Beispiel den folgenden:

  • an der eher politisch orientieren Ausrichtung, die den starken Eindruck hinterließ, dass wesentliche Ergebnisse von vornherein feststanden.
  • und dass deshalb bestimmte Mehrheiten quasi erzeugt werden „mussten“ – auch durch nachhaltige Appelle aus dem Präsidium.
  • an der Unterstützung des innerkirchlichen, kirchenpolitischen Drucks durch Livestream und massive mediale Dauerpräsenz.
  • an fragwürdigen Interpretationen der eigenen Satzung – etwa im Blick auf das nicht gewährte Recht auf geheime Abstimmung oder die Wertung der Enthaltungen bei Abstimmungen.
  • an lautstarker Emotionalisierung, polemischer Beschimpfung und Störung von Wortmeldungen von Vertretern konservativer Minderheiten (Stichwort etwa der medial deutlich inszenierte Vorwurf der „Menschenfeindlichkeit“, nachdem der Grundtext des Forums über Sexualmoral durchgefallen war, an die, die dagegen gestimmt haben).
  • am Übergehen der eigenen Regularien: So genannte Handlungstexte sollten eigentlich grundsätzlich auf theologische Grundlagentexte aufgebaut werden. Nachdem es aber nach der vierten Synodalversammlung keinen gültigen Grundtext für die Sexualmoral mehr gab, hat die Versammlung trotzdem Handlungstexte zu lehramtlich hoch umstrittenen Themen durchgebracht – und damit auch deutlich gemacht, was eine der vorab offenbar feststehenden Hauptstoßrichtungen des Ganzen war.

Nachdem sich also neben den vier Frauen noch wenigstens drei weitere der eher konservativ eingeschätzten Minderheiten aus den genannten und weiteren Gründen aus dem Synodalen Weg verabschiedet hatten, wählte sich die große Mehrheit der Synodalen 20 Personen für den Synodalen Ausschuss. Das machte deutlich: Eine stärker am Lehramt orientierte Minderheit, die eine andere Reformorientierung wünscht als der Mainstream würde nach diesem Votum im Synodalen Ausschuss im Grunde so gut wie nicht mehr vertreten sein – und würde es damit im neuen Gremium noch schwerer haben, ihre Positionen deutlich zu machen.

Und trotz des Schreibens der Kardinäle mit der Approbation durch den Papst „in forma specifica“ ging die große Mehrheit, insbesondere das Präsidium des Synodalen Weges, ganz offenbar ohne größere Bedenken weiter. Beim Papst oder die Kurie, so die gängige Deutung des römischen Schreibens, liege ein Missverständnis vor, denn man wolle ja versuchen, einen Synodalen Rat so zu konstruieren, dass man im Rahmen des bestehenden Kirchenrechtes bliebe. Eine „freiwillige Selbstbindung der Bischöfe“ wurde als wesentliche Möglichkeit dazu genannt. Denn der wesentliche Kern des Anliegens der Frankfurter Versammlung war und bleibt in jedem Fall das Sichern einer Mitbestimmung der Laien und nicht nur einer Mitberatung in einem kommenden Synodalen Rat. Und um es klar zu sagen: Es geht um die immer wieder angesprochene und stets unter Verdacht stehende „Macht der Bischöfe“ und demgegenüber um das Streben nach Teilhabe an dieser Macht durch die Mitbestimmung der Laien.

Über den sexuellen Missbrauch und die Macht

Tatsächlich war ja der Anlass für den Synodalen Weg die Erkenntnis über das dramatische Ausmaß des sexuellen Missbrauchs in der Kirche – und die Frage nach möglichen systemischen Faktoren, die Missbrauch und seine Vertuschung begünstigen. Und tatsächlich ist aus meiner Sicht auch die „klerikale Macht“ und die damit einhergehende Möglichkeit der Verohnmächtigung der Nicht-Kleriker und besonders der Betroffenen dazu ein wesentlicher Faktor. Daher müssen auch in meinen Augen Transparenz, Rechenschaft und Beteiligung wichtige Momente einer Erneuerung von Leitungsverantwortung sein. Wesentlich für die Erneuerung klerikaler Leitung wird ebenso die von Franziskus fortwährend angemahnte Bekämpfung des Klerikalismus sein müssen und daher umgekehrt auch die Förderung der geistlichen Erneuerung des Klerus. In welcher Form dann der Dienst der Leitung in einer tatsächlich synodalen Weise ausgeübt werden kann – ohne seinen sakramentalen Charakter zu eliminieren – ist tatsächlich eine wichtige Suchbewegung in der Kirche. Aber, das macht der Papst deutlich, ein „Synodaler Rat“ wie vom Synodalen Weg vorgesehen ist es wohl nicht.

Papst Franziskus selbst macht nämlich hier im Einklang mit der Tradition immer wieder einen entscheidenden Unterschied zwischen „decision making“ und „decision taking“. Also zwischen: eine Entscheidung „machen“, gemeint ist „vorbereiten“ einerseits – und dann konkret „entscheiden“ („decision taking“) andererseits. Für das „decision making“ mahnt er selbst und auf allen Ebenen immer neu so viel Teilhabe wie möglich an – behält sich selbst aber (und den Bischöfen) das „decision taking“ vor. Und eben diese Frage, wie sich Partizipation so gestalten lässt, dass sich eine Entscheidung, die dann zu treffen ist, im Grunde aus dem Hören aller auf Gottes Geist ergibt, ist eines der eigentlichen Themen der laufenden Weltsynode unter dem Stichwort der Partizipation. Idealerweise würde eine dort eingeübte Form des Miteinanders sowohl bei Klerikern wie bei Laien (Stichwort des Papstes: „Klerikalisierung der Laien“) ein oftmals eher weltlich dominiertes Streben nach Macht zum Verschwinden bringen.

Keine gemeinsame Finanzierung des Synodalen Ausschusses

Zurück zum Weg in Deutschland: Die Finanzierung des schon beschlossenen „Synodalen Ausschusses“, also des Übergangsgremiums, das gemäß Beschluss den Synodalen Rat vorbereiten und ab 2026 arbeitsfähig machen soll, lag zunächst wie selbstverständlich beim Verband der Diözesen Deutschlands (VDD), dem Rechtsträger der Deutschen Bischofskonferenz. Dessen Beschlüsse für die Bereitstellung von Finanzen oder Personal bei gemeinsamen Aufgaben brauchen aber die Einstimmigkeit der Diözesanbischöfe. Als es im vergangenen Juni nun daran ging, dieses Geld durch Haushaltsbeschluss bereitzustellen, habe ich zusammen mit den Bischöfen von Köln, Regensburg und Eichstätt die Zusage nicht gegeben. Und zwar nicht, weil es mir ums Geld gegangen wäre, sondern um damit deutlich zu machen, dass ich insgesamt der römischen Linie folge und in der Einheit mit dem Heiligen Vater bleiben möchte. Ich bin den Synodalen Weg bis dahin mitgegangen – wie zuvor auch zugesagt – und jetzt war die Zäsur da und die Möglichkeit zu pausieren und unsere Ergebnisse in die Weltsynode einzubringen.

Grundlegende Anfragen

Zudem bin ich in wesentlichen Fragen, die der Synodale Weg bis dahin zur Lehre vom Menschen (Anthropologie) und zur Lehre von der Kirche (Ekklesiologie) beschlossen oder auf den Weg gebracht hat, dezidiert anderer theologischer Auffassung als die meisten der vorgelegten Grund- oder Handlungstexte. [8] Und ich bin – anders als viele andere – auch der Meinung, dass genau diese Themen die größte Sprengkraft für eine sich weiter beschleunigende Polarisierung in der Weltkirche, unter den Gläubigen, unter den Bischöfen und im Verhältnis der Kirche in Deutschland zum Heiligen Stuhl haben. Denn insgesamt meine ich hinter nicht wenigen Beschlüssen des Synodalen Weges zu sehen, dass es auch hier (wie bei der Machtfrage) um sehr grundlegende Anfragen an das geht, was man theologisch die „sakramentale Dimension“ sowohl der Kirche wie auch des Menschen nennt, also letztlich um die reale Gegenwart Jesu im Leben der Kirche und jedes Menschen. [9] Und die in jedem Fall so notwendige und drängende Aufgabe der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals scheint auch für jene Themen gerade recht zu kommen, die seit Jahrzehnten auf der Agenda einschlägiger Reformwünsche stehen. Jetzt – so stellt es sich mir dar – hat man mit dem Missbrauch einen zusätzlichen Faktor, um auch auf die gewünschten Veränderungen in diesen Dauerthemen den Druck erhöhen zu können. Ein Beispiel dafür ist das Einbringen der Frage nach „Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche“ als viertes Forum in den Synodalen Weg. Dieses Thema war keines der sogenannten MHG-Studie. Diese Studie, die das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs untersucht hatte, hatte nämlich zugleich bestimmte Themen zur Behandlung empfohlen und damit den Synodalen Weg überhaupt und seine Themen erst angestoßen. Das „Frauenthema“ wurde zusätzlich vom ZdK eingebracht und war Bedingung dafür, dass das Zentralkomitee überhaupt Mitträger des Synodalen Weges sein würde.

Wer ist Träger des Synodalen Ausschusses?

Außer den vier genannten Bischöfen hatten also im vergangenen Juni die ande­ren 23 (von insgesamt 27) Diözesanbischöfe oder Diözesanadministratoren dem Anliegen zugestimmt, einen Synodalen Ausschuss zu finanzieren. Da das Geld aber nun nicht mehr vom VDD kommen kann, ist man derzeit dabei, eine eigene Trägerstruktur zu gründen, nämlich einen Verein, der von vier Bistümern, Würzburg, Münster, München-Freising und Limburg getragen wird.

Schließlich: Der Synodale Ausschuss ist nun am 10. November zur ersten Sitzung zusammengetreten und hat sich eine Satzung und eine Geschäftsordnung gegeben. Darin wird die Deutsche Bischofskonferenz zusammen mit dem ZdK als Träger des Synodalen Ausschusses angegeben. Ob das rechtlich korrekt ist, möchte ich zumindest anfragen, da in der Vergangenheit die Deutsche Bischofskonferenz erst dann Träger einer gemeinsamen Sache war, wenn sie es im Verbund mit dem VDD war, der personelle und finanzielle Ressourcen bereitstellt. Wenn also vier Bistümer nicht an der Trägerschaft des Synodalen Ausschusses mitwirken und damit auch der VDD nicht sein Träger ist, wie kann dann die „Deutsche Bischofskonferenz“ als Ganze der Träger sein? Auf welcher rechtlichen Grundlage?

Zudem: Mir wird immer wieder mitgeteilt, dass ich qua Amt als Diözesanbischof automatisch Mitglied sei bzw. das „Recht auf Mitgliedschaft“ im Synodalen Ausschuss habe. Ich habe aber ausdrücklich gesagt, dass ich mich weder als Mitglied sehe noch dieses (auf welcher Rechtsbasis?) mir zugestandene „Recht“ wahrnehme. Dieses zugesprochene „Recht“ scheint mir daher eher eine Vereinnahmung zu sein, um den Anspruch aufrecht erhalten zu können, die Deutsche Bischofskonferenz als Ganze sei tatsächlich Träger des Synodalen Ausschusses. Sie ist es nach meiner Auffassung nicht, wenn nicht wenigstens alle Diözesanbischöfe zu dieser Trägerschaft bereit sind.

Der Brief an die vier Frauen

Das sind nun – in knapper Schilderung – die wesentlichen Zusammenhänge, die hinter dem Brief stehen, die Papst Franziskus an die vier genannten Frauen geschickt hat. Hier der Wortlaut des Textes – mit anschließender Kommentierung.

Erstaunlich an diesem auch für mich sehr überraschenden Brief sind die folgenden Dinge:

  • Die Frauen haben ihre Antwort schon vier Tage nach Absendung ihres eigenen Briefes bekommen. Die allermeisten anderen Menschen – auch wir Bischöfe – warten manchmal Wochen und Monate auf Antworten auf Schreiben nach Rom. Bisweilen kommt auch gar keine Antwort.
  • Der Papst schreibt persönlich – und bezieht sich ausdrücklich noch einmal auf das Schreiben vom Januar 2023, das er „in forma specifica“ approbiert hatte.
  • Das Datum des Absendetages, der 10.November 2023, hat in doppelter Weise Symbolkraft. Es ist der Tag der konstituierenden Sitzung des Synodalen Ausschusses, und zweitens ist es der Gedenktag des Papstes Leos des Großen – eines der wichtigsten Lehrer und Kirchenväter der römischen Kirche.
  • Der Brief geht als sehr rasche Antwort in einer überaus wichtigen Angelegenheit nicht an den Vorsitzenden der Bischofskonferenz oder an die Bischöfe insgesamt, sondern an vier engagierte Kritikerinnen des Synodalen Weges. Und wie ich die Adressatinnen einschätze hätten sie den Brief auch nicht ohne die Erlaubnis des Papstes oder der Kurie veröffentlicht.[10]
  • Warum geht der Brief des Papstes also nicht an uns Bischöfe oder den Vorsitzenden der Bischofskonferenz – in dieser wichtigen Sache? Eine Mutmaßung: womöglich, weil die bisherigen Antworten auf römische Interventionen nicht als angemessen betrachtet wurden?
  • Der Papst lässt dabei auch keinen Zweifel (s. oben: „zweifellos“), dass der Synodale Ausschuss aus seiner Sicht zu jenen „Schritten“ gehört, mit denen sich „große Teile“ der Kirche in Deutschland „immer weiter vom gemeinsamen Weg der Weltkirche zu entfernen drohen“.
  • Damit macht er m.E. auch deutlich, dass er die bislang beigebrachte Argumentation zur Rechtfertigung des Synodalen Rates („alles im Rahmen des Kirchenrechtes“) nicht teilt und nicht annimmt.
  • Mehr noch: Er macht deutlich, dass es auch bei dem, was im Beschlusstext zum Synodalen Ausschuss/Synodalen Rat[11] steht, um einen Widerspruch zur „sakramentalen Struktur“ der Kirche geht. Offensichtlich kennen er oder seine Berater den Wortlaut des Textes.
  • Und er betont erneut, dass der Heilige Stuhl eine solche Einrichtung mit seiner Bekräftigung ausdrücklich „untersagt“ habe.
  • Zudem hält er offenbar überhaupt wenig von „immer neuen Gremien“.
  • Auch mit dem Ausdruck die „immer gleichen Themen“ will er wohl sagen, dass diese Themen nicht unbedingt im Fokus seiner eigenen Reformagenda stehen – anders als im fortwährenden Diskurs kirchenpolitischer und medialer Öffentlichkeit in unserem Land.
  • Die abschließende Grundsatzkritik mit dem Wort „ gewisse Selbstbezogenheit“ anstelle von Gebet, Buße, Anbetung und dem Hinausgehen mit offenen Armen und Herzen zu den Menschen, besonders den Armen, ist ebenfalls unzweideutig.

Wer kommuniziert wie mit wem?

Wenn ich den Brief also in dieser Ausdrücklichkeit lese, befindet sich der Synodale Ausschuss von Rom und vom Papst her betrachtet auf verbotenem Terrain. Die unmittelbare und sehr knappe Reaktion aus der Bischofskonferenz nach Kenntnisnahme der Veröffentlichung des Briefes lautete sinngemäß: „Der Brief war nicht an uns gerichtet, also kommentieren wir ihn auch nicht.“ Ich melde meine Zweifel an, ob das der allseits gewünschten Verbesserung der Kommunikation zwischen Rom und der Kirche in Deutschland dienlich ist. Zugleich räume ich aber auch ein: Solche Fragen könnte man natürlich auch von Deutschland aus an die Adresse der römischen Kommunikationsverantwortlichen stellen. Denn wenn eine Veröffentlichung des Briefes schon mitgedacht war – wen wollte man dann zusätzlich zu den vier Empfängerinnen wie erreichen? Und hätte man diese Zielgruppe auch anders erreichen können – ohne dabei Gefahr zu laufen, auch von römischer Seite weitere kommunikative Irritationen zu produzieren? Etwa, indem man die Bischofskonferenz von dem Brief auch offiziell in Kenntnis setzt?

Die Erfahrungen bei der Weltbischofssynode

Ein Ausblick: Während des ganzen Monats Oktober konnte ich in Rom zusammen mit 275 Bischöfen und knapp hundert weiteren Frauen und Männern aus der ganzen Weltkirche tiefer verstehen lernen, was der Papst mit Synodalität meint: zu lernen, aufeinander zu hören und methodisch und existenziell in der Begegnung mit anderen in eine gemeinschaftliche Unterscheidung zu finden, die vom Hl. Geist geleitet ist. Der Heilige Geist ist – so hat es Papst Franziskus immer wieder betont – der Protagonist einer synodalen Kirche. Der „geschützte Raum“, den der Hl. Vater für die Gespräche der Synode stets eingefordert hat, war für mich im Vergleich zur Frankfurter Versammlung überaus heilsam. Die Öffentlichkeit ist auf Anordnung von Papst Franziskus nur immer nachträglich und allgemein informiert worden. Aber niemand konnte bestimmte Wortmeldungen bestimmten Personen zuordnen. Für Papst Franziskus sollte bewusst keine politische oder parlamentarische Atmosphäre entstehen, sondern eine geistliche.

Dass dabei viele Themen sehr offen zur Sprache kamen, auch solche, die den deutschen Synodalen Weg in der Hauptsache beschäftigt haben, aber noch viele andere mehr, ist eine wohltuende Erfahrung – weil all das ohne bekannte Polarisierungsmechanismen vonstatten ging und im wirklichen Versuch des Zuhörens aufeinander. Freilich, an keiner Stelle geht das Synthesendokument zu dieser Etappe der Synode in seinen Kernforderungen oder -vorschlägen auch nur annähernd so weit, wie zahlreiche Beschlüsse des Synodalen Weges schon gegangen sind  – vor allem im Bezug auf dessen Hauptanliegen, der Veränderung der Lehre in den Themenfeldern der Ekklesiologie und Anthropologie.          [12]

Ein Ausblick

Ich hoffe, ich konnte mit alledem deutlich machen, warum ich in den nächsten drei Jahren nicht am Synodalen Ausschuss teilnehmen werde: Ich sehe die Gefahren, die Papst Franziskus und die Kurie nun schon mehrfach formuliert haben. Ich teile weitgehend ihre Diagnose – und habe mich daher bewusst für das Gehen mit der Weltkirche entschieden – wie ich früher schon geschrieben habe, aus Gewissensgründen[13] und verbunden damit eben auch als Weise, mein Treueversprechen zu leben.

Ich freue mich zugleich sehr, auf der Synode der Weltebene dabei sein und dort Synodalität im Sinn des Papstes besser lernen und verstehen zu dürfen. Und ich bin sehr motiviert, daran mitzuwirken, auch in unserem Land Kirche synodaler zu leben. Wir versuchen dazu auch bereits einiges im Bistum Passau.  Ob der durch den Synodalen Ausschuss zu planende Synodale Rat in Deutschland hierfür ein hilfreiches Instrumentarium sein kann, daran habe ich meine erheblichen Zweifel, gerade weil er gegen die ausdrücklichen Einsprüche Roms dennoch geplant wird. Ich mag aber nicht ausschließen, dass es auch auf diesem Weg immer noch ein Einmünden in den synodalen Prozess der Weltkirche geben kann. Den vier Frauen, die von Papst Franziskus den Brief erhalten haben, danke ich für ihr Engagement – es hat durch den Antwortbrief des Heiligen Vaters weitere Klärung herbeigeführt.


Anmerkungen, Bemerkungen, Quellenangaben

[1] Vatican News: Vier Frauen verlassen den Synodalen Weg: https://stefan-oster.de/brief-papst-frauen-synodal/

[2] Brief von Papst Franziskus – An das pilgernde Volk Gottes in Deutschland: https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/presse_2019/2019-108a-Brief-Papst-Franziskus-an-das-pilgernde-Volk-Gottes-in-Deutschland-29.06.2019.pdf

[3] https://www.vaticannews.va/de/vatikan/news/2022-11/ad-limina-deutsch-bischofskonferenz-kurie-synodaler-weg-vatikan.html

[4] Für das Bistum Passau hat ein Gremium aus Vertretern des Diözesanrats und der Bistumsleitung eine Umfrage gemacht, deren Zusammenfassung hier veröffentlicht wurde: https://bistumpassau.s3.amazonaws.com/downloads/Bistum-Passau/Der-Passauer-Beitrag-zum-Weltsynodalen-Weg-2021_2023_final-mit-Bild.pdf

[5] Vatican News: Heiliger Stuhl zeigt deutschem Synodalen Weg Grenzen auf: https://www.vaticannews.va/de/vatikan/news/2022-07/heiliger-stuhl-synodaler-weg-deutschland-lehre-moral-weltkirche.html

[6] Deutsche Bischofskonferenz: Staatssekretariat, aus dem Vatikan, PDF: https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/presse_2023/2023-009a-Brief-Kardinalstaatsekretaer-Praefekten-der-Dikasterien-fuer-die_Glaubenslehre-und-fuer-die-Bischoefe.pdf

[7] Vgl. die Satzung, Artikel 11,5: https://www.synodalerweg.de/fileadmin/Synodalerweg/Dokumente_Reden_Beitraege/Satzung-des-Synodalen-Weges.pdf

[8] Von der Seite Roms ist auch vor einigen Tagen – und nach dem Brief an die vier Frauen – ein weiterer, ursprünglich von beiden Seiten als „vertraulich“ erklärter Brief an die Bischöfe in Deutschland aus dem Staatssekretariat öffentlich bekannt geworden, dem der Kardinalstaatssekretär eine lehramtliche Note aus der Glaubenskongregation beigefügt hat. In ihr wird deutlich gemacht, dass die geltende Lehre zur Priesterweihe, die nur berufenen Männern vorbehalten ist, und die Lehre zur Beurteilung von homosexuellen Handlungen bei den Gesprächen zwischen den deutschen Bischöfen und den römischen Dikasterien über die Ergebnisse des Synodalen Weges nicht verhandelbar seien: https://www.domradio.de/glossar/vatikan-will-debatten-zu-frauenweihe-und-homosexualitaet-stoppen

[9] Ich habe das hier (https://stefan-oster.de/wp-content/uploads/2022/08/20220902_Oster-Synodaler-Weg-Communio.pdf) ausführlicher begründet. Diese Fragen stehen nach meiner Auffassung auch im grundlegenden Zusammenhang mit weiteren, letztlich mit metaphysischen Fragen und menschlichen Grundentscheidungen, etwa: Wie verstehen wir die Freiheit des Menschen? Und wie verhält sich Freiheit zur Wahrheit? Und was bedeutet zum Beispiel eine erlöste Freiheit? Ich selbst komme zu diesen Themen aus einer Schule des so genannten Personalismus, und habe vieles davon etwa in meinem Buch „Person und Transsubstantiation“ versucht darzulegen. Andere, die breite Mehrheit, hatte einen anderen Ansatz, etwa bei der Frage nach der Freiheit. Aber das Problem war: An diese Wurzeln von Gegensätzen sind wir auch in den Debatten in den vier Einzelforen des Synodalen Weges dann doch nicht gekommen. Da war die deutliche Mehrheit, so mein Eindruck, zu schnell von der Richtigkeit der eigenen Position überzeugt – und ist weitergegangen.

[10] Vgl. Domradio.de: Katholische Journalistin sieht in Papstbrief große Bedeutung: https://www.domradio.de/artikel/katholische-journalistin-sieht-papstbrief-grosse-bedeutung

[11] Der Synodale Weg – Handlungstext, PDF: https://www.synodalerweg.de/fileadmin/Synodalerweg/Dokumente_Reden_Beitraege/beschluesse-broschueren/SW10-Handlungstext_Synodalitaetnachhaltigstaerken_2022.pdf

[12] Hier der Zugang zum Synthesendokument: https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/dossiers_2023/2023.10.28-DEU-Synthese-Bericht.pdf

[13] Zum Beitrag/Interview: „Es geht um unser Menschenbild und unser Verständnis von Kirche“: https://stefan-oster.de/menschenbild-synodaler-ausschuss/


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